Menschsein!

2019.   Künstlerische Forschung im ehemaligen Stasiknasts Bautzen II. Ein Kooperationsprojekt der Gedenkstätte Bautzen, dem Goethegymnasium Bischofswerda & kommenundgehen.org

1956 richtete das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in Bautzen II eine Sonderhaftanstalt ein. 200 Haftplätze wurden für Sondergefangene wie Regimekritiker:innen, Gefangene aus Westdeutschland, Spione oder Kriminelle mit prominentem Sonderstatus ausgebaut. Dezember 1989 wurden alle politischen Gefangenen freigelassen.

Was unterscheidet das Wohnen in den eigenen vier Wänden vom Alltag einer damals politisch-Inhaftierten? - Mit dieser Frage eröffneten 4 Schülerinnen und 2 Dozentinnen eine 4-tägige künstlerische Forschung und okkupieren dafür den Frauentrakt der Gedenkstätte Bautzen II. Man gewöhnt sich überraschend schnell an die karge und schwere Atmosphäre und das Gefühl, dringend der Abschottung entfliehen zu wollen. Schon nach der ersten Erkundung geht man wie selbstverständlich den Haupttrakt entlang bis man nach einigen Verlaufmomenten den Frauentrakt erreicht. Unbewusst geht er in unseren temporären Besitz über. Wir bekommen die Schlüssel der Zellen und Aufseherkammern ausgehändigt. Mit dem schweren Bund in der Hand übernehmen wir ein Gefühl von Autorität. Schüler:innen sperren sich zum Spaß in Zellen ein und lachen, mancheinem Erwachsenen wird dabei mulmig.

An welchem Ausgangspunkt beginnt man eine Forschung an einem Ort, an dem der trübe, senfgelbe Wandlack nach Unrecht und Widerwärtigkeit schmeckt und zuviele Themen bearbeitet werden wollen?  Wir reduzieren das Forschungsfeld auf eine kleine Zelle im Trakt und stellen uns von dort aus Fragen, indem wir uns an unserem Alltag orientieren. Eine zeichnerische und fotografische Bestandsaufnahme hilft bei der Erkundung der Zelle. Der langwierige Aufenthalt lässt die

Wir sind auch Frauen und haben Familie.

Wir haben auch Hobbys und einen Alltag.

Wir empfinden auch Gerechtigkeit.

Wir haben auch sexuelle und menstruelle Bedürfnisse.

Wir wollen uns auch bilden und einer Tätigkeit nachgehen.

Wir wollen uns auch schön fühlen.

Wir wollen auch selbstbestimmt leben.

Wir leben aber nicht in einem diktatorischen System. Wir sitzen  nicht auf unbestimmte Zeit im Knast. Zu Unrecht! Unter unwürdigen und kargen Bedingungen! Unter psychischer und körperlicher Folter!

 

 

 

Wie (er)lebten die damaligen Kanstologinnen ihr Dasein als Frau?

Welche Auswirkungen haben die damals angewandten, gezielten Zersetzungsmaßnahmen auf das gegenwärtige Leben?

Wie gehen die Opfer jener Zeit mit dem Fakt um, dass ihre Täter vorwiegend unbestraft bleiben und weiterhin in ihren Berufen Machtpositionen einnehmen?

W

 

Unter dem Titel „Menschsein“ forschen 4 Schülerinnen an 4 Tagen im ehemaligen Frauentrakt des Stasiknasts Bautzen II.

Von der Frage motiviert, was das Wohnen im eigenen Zuhause vom Alltag einer damals politisch-Inhaftierten Frau unterscheidet, entsteht eine Rauminstallation in einer ursprünglich ausgestatteten Zelle, die mit Alltagsgegenständen der Schülerinnen eingerichtet wird.

 

Nach vorhergehender fotografischer Bestandsaufnahme der Zelle und stundenlangem Aufenthalt darin, ahnten die Schülerinnen, was Freiheitsberaubung und der damit einhergehende Entzug der Selbstbestimmung bedeuten kann. Zwei Zeichnungen verglichen die  Grundrisse eines heutigen Jugendzimmers und der vorgefundenen Knastzelle. Ein projizierter Foto-loop im Zelltrakt, der das Einrichten und Ausräumen einer Zelle zeigt, schärfte den Blick für die Grenzen vom „Wohnen“ und „Inhaftiertsein“. Teil der Rauminstallation sollte ein Moment des Erinnerns an die Frauen sein, denen die Stasi ihrer Identität beraubte. So wurde eine Portraitmalerei einer gesichtslosen Insassin in schwarz-weiß angefertigt, die als „Leiche“ in einem der Doppelstockbetten gelegt wurde. In einer Performance demonstrierte eine Gruppe junger Frauen lautstark im Trakt der ehemaligen Haftanstalt, um sich nachträglich der Unterdrückung der ehemaligen Insassinnen zu widersetzen. Sie tragen ein 2x2m Transparent vor sich her mit der Aufschrift „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ und wiesen damit auf die Aktualität der Grundrechte hin. Zwei junge Frauen klettern Gitter hinauf und hissen das Transparent. Eine „Insassin“ stellt ihre Schuhe auf dem Fußabtreter einer Zelle ab und begibt sich auf das Doppelstockbett. Sie liest aus der Verfassung der BRD, die sich allgemeinbekannt mit den Menschenrechten befasst. In der Nachbarzelle sitzt eine weitere „Insassin“ auf dem Zellenklo. Mit sächsischem Dialekt hallen Auszüge der DDR Verfassung von 1974. Das Zuhören der sachlichen Beschreibung wird zur Geduldsprobe. Die nachträgliche Kritik einer der Leserinnen: „in der DDR ging es wohl eher um den Staat und die Wirtschaft. Erst ab Artikel 19. steht was zum Menschen“. Die „Insassinnen“ beenden den Dialog und verlassen die Zellen. Eine „Schließerin“ verriegelt mit großem Schlüsselbund 4-fach die Tür der Zelle, die wie ein Jugendzimmer anmutet, und beendet die Performance mit einem Blick durch das Guckloch hinein in die Zelle.